Agnes und die Oldies

Die zweite Fundgrube Automobilbesessener ist das alljährliche Oldtimertreffen auf der Münchener Theresienwiese. Es regnet. Es hagelt. Die Leute essen Bratwürste am laufenden Meter. Es gibt Hunde passend zu Menschen und Menschen passend zu ihren Autos.

Ich wünsche mir sehnlichst, die Typen mit den Elvistollen würden endlich Raybans aufsetzen und ihre Collegejacken ausziehen, aber es ist eher die Zeit der schwarzen Regenschirme. Währen die Autos nicht da, es hätte ansatzweise den Charme einer britischen Beerdigung.

Also Kragen hoch und Mantel zu. Der Blick ist tief gesenkt.

Auf dem Asphalt finden sich immerhin traumhafte Bremsspuren und schon einige Namen, der stolzen Teilnehmer, die sich hier mit Neonspray ihre Stellplatzclaims klargemacht haben. Es gibt auffällig viele Andis und genau so einer ist auch mein erster Ansprechpartner.

Um sein schwarz-rotes Objekt der Begierde hat sich schon ein ganzer Fanpulk versammelt, der Motor liegt offen und entblößt, die Freundin gekleidet in den Autofarben grinst stolz, wie ein fleischgewordener Pin-Up-Traum.

Alles an Andi, seinem Auto und Anita Page*(Name von der Red. geändert) offenbart, bitte ansprechen, ich will mit jedem mal unter die Haube. Und weil das Wetter gar so unfreundlich ist und ich so wenig Ahnung von Autos habe, kommt mir diese Einstellung sehr gelegen.

Wie sich herausstellt, ist das Schlachtschiff ein Dodge Charger Se aus den 60ern, den unser Andi ziemlich aufgemotzt hat. Damit hat sich auch die Frage erledigt, was Andi von Oldtimertuning hält.

Sein Tipp für den angehenden Oldtimerbesitzer: eine Premium-ADAC-Mitgliedschaft.
Er stellt besorgt fest, dass Autos von heute alle gleich aussehen. Sie haben einfach nicht das, was er, eine amerikanische Zigarettenwerbung könnte es nicht besser ausdrücken, ‚Spirit’ nennt und noch weniger Individualität.

Doch dieses Auto ist sein Baby.

Andi ist eine sympathische Mischung aus Türsteher und KFZ-Mechaniker und steht seinem Musclecar in Sachen Ausmaß und Ausstrahlung in nichts nach.

Die beiden sehen zusammen aus wie eine Rockabillyversion von Bonnie und Clyde und ich frage nach einem passenden Soundtrack, aber bei Andi wird nur das wilde Brummen,Grunzen und Knurren des Motors geduldet.

Er scheint allgemein sehr viel Wert auf Größe und brummige Geräusche zu legen.

Motor und Getriebe sind die Komponisten seiner Chartstürmer, seine Hupe, ein mindestens siebentöniger gute-Laune-Jingle, der King of Pop.

Damit überlasse ich Polkadotqueen und den immer mehr Vin Diesel ähnelnden Andi der Bewunderung anderer, denn ich sehe einen riesigen Feuerwehrwagen vorbeiziehen.

Es handelt sich hier um einen Mercedes LKW 1113 mit Allradantrieb.

Das Ganze scheint im Heimatdorf besser anzukommen als der Tourbus Madonnas. Einst von seinem jetzigen Besitzer Herbert vor der gefühllosen Verschrottung, oder noch schlimmer der Verschiffung zu dem „Schinees“, gerettet, ist das ausgemusterte Gefährt der Marlesreuther freiwilligen Feuerwehr jetzt Vehikel für wilde Vatertagsausflüge und den einen oder anderen Maibaumdiebstahl.

Herbert hat für die Unterkunft sogar eine Halle angemietet. Wie er so vor seinem Wagen steht, aus dem mehrere glückliche Jungs im Enkelalter herausgrinsen, fällt plötzlich der Zu-Verkaufen-Zettel ins Auge.

Herbert zwirbelt seinen piktoresken Schnauzer und sieht die Sache eher unemotional, fast abgeklärt. Er hat noch mehr Oldtimer, z.B. einen Traktor und ein Motorrad. Außerdem ist er auch der heutigen Gestaltung der motorisierten Welt sehr zugetan, bemängelt dabei nur den Preis der deutschen Traditionsunternehmen. Sein Alltagsauto ist ein Jeep. Ich freue mich, denn ich denke damit ist der nächste Vatertag auch geritzt.

Hinter einem Rudel im Regen dahinrostender Deloreans finde ich einen Ford 8 Super Deluxe von 1947, 4-Türer und seine 4 Mann starke Crew.

Mir wird Tür Vier aufgehalten und ich finde auf der Rückbank Zuflucht vom immer stärker werdenden Regen. Ich habe aber nicht nur ein Auto betreten, sondern auch gleich einen Zeitsprung hingelegt. Ich versicherte mich nochmal ob die Deloreans in ausreichender Entfernung sind. Der Fahrer und Besitzer ist, wer sonst, ein Andy.

Er trägt einen schnittigen Haarschnitt, wie aus „Denn sie wissen nicht was sie tun“ mit irrem und zugleich warmen Blick und ist ganz allgemein eine lebendige Hommage an eine stilvolle Ära und die Eleganz des Automobils.

Andi hat einen ganzen Oldtimerfuhrpark, aber auch ein modernes Ford-Autohaus.

Während er davon erzählt höre ich das erste Mal von so seltsamen Dingen, wie z.B. einer 17 M Badewanne, auch genannt Ford Taunus P3.

Beifahrerin ist eine Dame im Bleistiftrock. Sie spricht begeistert von ihrer aller Leidenschaft für die 50er, die sich bei ihr persönlich auch in liebevollem Stricken, Kochen, Burlesquetänzen und Autoschrauben bemerkbar macht. Der Mann, der ihr den Ölwechsel schon im Kindeslater näher brachte, ist ihr Bruder und sitzt neben mir. Er trägt eine stolze Elvistolle und bekennt sich lächelnd außer zu Retro auch zu BMW.

Janina, die Lady mit der aufwendig blumigen Kopfbedeckung stellt sich als Hutmacherin vor und hat einiges zu sagen in Bezug auf Mode und ästhetischen Zitaten aus der Vergangenheit.

Mit Visitenkarten und Einladungen zu Mottoparties versorgt, verlasse ich die Zwei-Welten-Fraktion.

Während ich so durch die pfefferminzgrüne Cadillacstraße wandere, fällt mein Blick auf ein metallisch grünes Heckflossenwunder mit grimmigem Blick.

Christian stellt sich vor, ganz im Gegensatz zu seinem Auto insgesamt ziemlich businesstauglich, freundlich grinsend und unbunt, aber voll purer Begeisterung.

Er erzählt mir, dass sein grüner Buick 1959 gebaut wurde, dem Jahr mit den längsten Heckflossen der Geschichte.

Und sein metallic grüner Buick sieht zweifellos aus als wäre er im Jahr der längsten Heckflossen der Geschichte gebaut worden.

Jetzt haben wir also zwei Welten gesehen. Leute die am liebsten in der Vergangenheit leben würden. Leute die sich mit mehr Metallpiercings schmücken als sie Zähne im Mund haben und auf beiden Seiten schöne und abscheuliche Autos.

Alle haben eines gemeinsam: Sie fallen auf. Sie fallen auf, weil sie sich nicht mit den ihnen vor die Nase gestellten Autos zufrieden geben, sondern durch Modifikation, dem Wiederauflebenlassen alter Klassiker oder einfacher Kaufverweigerung. Sie fallen auf, weil ihnen scheinbar Gestaltung, und sei es nur aus Selbstdarstellungsgründen, wichtig ist. Ob sie die erforderlichen Qualitäten mitbringen, ihren Geschmack an eine breite Masse anzupassen, ist fragwürdig, aber auch von niemandem verlangt.

Oldies kritisieren durch Aneignung einer alten, meist wohlbekannten Identität eines Autos.

Tuner versuchen wiederum mehr, sich kreativ und praktisch am Fahrzeug zu vertun und ihm ihren persönlichen Stempel aufzudrücken.

Beide investieren viel Zeit, Nerven und Geduld. Und man kann sie durchaus als Autonarren bezeichnen, die ihr Hobby auch oftmals leben, was dazu führt, dass sie von vielen als Randgruppen angesehen werden.

Dieses zwei Veranstaltungen große Autosandwhich triefte hauptsächlich vor einer Sache: unbewusster Kritik.

Die Einen sammeln alte Autos und Kritik an heutigen Modellen, sei es aus finanziellen Gründen oder aufgrund der mangelnden Ausstrahlung und Individualität. Viele können und möchten sich nicht daran gewöhnen, dass PKWs heutzutage nicht mehr so eine starke identitätsstiftende Rolle innehaben . Doch vielmehr ist ihr Oldtimerdasein als Hommage an ein Auto und die vergangenen Zeiten zu verstehen, an die sich sehnsüchtig zurückerinnert wird.

Die anderen modifizieren Autos auf eine kreativere Art und Weise und versuchen stehts etwas Neues und Einzigartiges zu erschaffen. Auch ihnen zufolge haben herkömmliche Autos einfach nicht das gewisse Etwas, welches IHR Fahrzeug einfach haben sollte. Warum sollen denn alle Autos gleich aussehen? Und warum auch sollten die Lichter nicht zum Takt des aus der der Stereonlage scheppernden TranceMegamixes blinken.

Natürlich kann man argumentieren dass es sich hierbei um Verschandellung der Arbeit ausgebildeter Designer handelt, die sich etwas bei ihrem Werk gedacht haben. Aber alleine die Tatsache der Existenz einer großen Tuningszene, also kritischer „Verbesserer“ beweißt, dass die aktuelle Gestaltung doch nicht alle Geschmäcker abdeckt. Und eben diese haben sich bei ihrem Tuning eben auch etwas gedacht. Meistens.

Designkritik wird also von Jedem betrieben. Den unterschiedlichsten Leuten, etwa von einem Haufen Tribalbestickter Dreikäsehochs oder auch einem sentimentaler Bodybuilder, wenn auch unbewusst. Denn sie Leben ihre Kritik. Und das ist ihr gutes Recht!