Balve

Ich besuche Frank Balve in seinem Klassenraum und Atelier in der Akademie der Bildenden Künste. Ich warte auf auf der imposanten Treppe des Haupteingangs auf ihn und da ist er, ganz in Schwarz, mit Kapuze und Skateboard. Wie ein sehr präsentes Phantom der Oper.

Extrem produktiv und hyperaktiv, 50 Ausstellungen in den letzten drei Jahren, riesige Installationen, Malerei und Fotografie, soviel weiß ich schon.

Superpaper:
Du arbeitest ziemlich medienübergreifend. Mit welchem Material bist du denn aktuell beschäftigt?

Die Frage kann ich mir so ziemlich sparen, denn das Erste, was ich sehe, als wir den Klassenraum betreten, sind zwei riesige, noch nasse Bilder auf dem Boden, um die ich herum balanciere.
Frank arbeitet an vielen Dingen parallel, das was da auf dem Boden trocknet, gehört zu einer Serie von großformatigen, abstrakten Bildern, die aus mehreren Lagen bestehen.
Das Rahmenbauen und mit Leinwand Bespannen übernimmt er auch selbst.

Superpaper:
Ich kenne dich bisher vorallem durch deine riesige Spielplatzinstallation ‘bloc’, die du 2012 bei der Jahresausstellung der Akademie in der historischen Aula ausgestellt hast.
Erzähl doch mal ein bisschen. Wie hast du das überhaupt gebaut?

Frank Balve:
“Ich habe da so meine Tricks. Ich mache viel alleine, aber ich habe auch ein Team von Leuten. Die Balve Factory, oder wie man das nennen möchte.
Installationen sind einfach wahnsinnig stark, obwohl sie sehr aufwendig und rein finanziell sehr unlukrativ sind.
Blei bloc waren zwei Tonnen weiße Fließen am Boden und alle schwarzen Spielplatzobjekte sind durch ein spezielles Verfahren aus Papier gebaut, das sehr zeitintensiv ist.
Bei der letzten Jahresausstellung bin ich dann garnicht mehr in die Aula gegangen. Die ist abgeschrieben, denn die kann sowieso nie wieder bespielt werden.
Der Spielplatz war einfach die beste Arbeit der letzten 40 Jahre (lacht)!”

Superpaper: Wir merken, Frank Balve findet seine Arbeit gut!

Frank Balve:
“Es war eine große Arbeit und es war eine luftige Arbeit, die durch das reine Schwarzweiß nicht in Konkurrenz mit den Gobelins an den Wänden der Aula trat. Man konnte die Farbe der Gobelins durch den begrenzenden Gitterzaun sehen. Außerdem war es ein Spiel zwischen dem Altehrwürdigen und dieser jungen Szenerie.
Ich kenne diese Aula, ich habe mich damit eingehend beschäftigt. Und wenn du die Aula bespielst, dann brauchst du wirklich Cojones.”

Superpaper: Ich habe gehört, bloc hat jemand gekauft. Steht die Installation also irgendwo genauso wieder aufgebaut?

Frank Balve:
“Jaja, genau. Das ist ein etwas ärgerliches Thema. Es gab Anfragen, aber es ist nicht dazu gekommen.
Meine Installationen sind ja sowieso ein Alptraum für jede Gallerie, wie soll man solche riesigen, sperrigen Sachen verkaufen? Mit kleinen süßen Landschaftsaquarellen wäre das natürlich leichter!”

Superpaper: Ist es schwer, dich von deinen Arbeiten zu trennen?

Frank Balve:
“Viele meiner Malereien will ich garnicht verkaufen. Die gebe ich nicht her, weil das einfach meine Babys sind. Manche lasse ich los.
Ich habe ein Lager, aber so voll ist das garnicht. Viel von meinen Sachen ist unterwegs und manchmal komme ich mir eher vor wie ein Logistik- und Umzugsunternehmen.”

Superpaper: Bei welcher Galerie bist du denn vertreten?

Frank Balve:
“Momentan sind es drei verschiedene. Firstlines, das ist eine online basierte Gallerie, die Ausstellungen in Off-Spaces veranstaltet. Außerdem bei MaxWeberSixFriedrich in München und DH artworks in Düsseldorf.
Ich liebe diesen Ausstellungsdruck, ich will soviel machen, wie möglich.”

Superpaper: Du stellst ja von 24. Oktober bis 22. November in der Galerie der Künstler aus, kannst du uns schon einen kleinen Vorgeschmack geben?

Frank Balve:
“Der Titel der Ausstellung ist ‘cluster’.
Die Arbeit baut auf einer Installation auf, die ich vor zwei Jahren hier in den Garten der Akademie gegraben habe. Ein Stasi Büro, zwei Meter unter der Erde. Das habe ich mit einer Plexiglasscheibe abgedeckt und dann wieder zugeschüttet. Du konntest also drüber laufen und es durch die Scheibe hindurch sehen.
‘cluster’ führt diesen Gedanken einer gefängnisartigen Arbeits-und Lebenswelt weiter und beschäftigt sich mit der Sehnsucht nach Flucht und Abwesenheit.
In der Galerie der Künstler läuft man dann durch 750 qm Ausstellungsraum, voll mit 18 Tonnen Holz, wie durch einen Irrgarten. Man findet ihn jedem Raum die gleiche Anordnung von Bürokabinen wieder.
Diese Clusterkabinen sind weiße Kästen, in denen nur ein Tisch, eine Bank und eine Lampe sind, die ein bisschen aussieht, wie eine Webcam.
In Büros und auf Schreibtischen findet man ja oft persönliche Gegenstände und Bilder, die wie ein Fenster zur Freiheit fungieren, z.B. Fotos von den Kindern oder vom letzten Urlaub. Alles Hoffnungsträger, in Opposition zum alltäglichen, monotonen Trott.
Solche Bilder wird es auch in den Innenräumen der Clusterkabinen geben. Arbeiten, bei denen ich dieses Gefühl der Freiheit bekomme.
Die sind dann von den drei Künstlern, die dort zusammen mit mir ausstellen, Maximilian Geutner, Christian Leitna und Thomas Thiede. Alle auch vertreten durch die Firstlines Gallerie.
Meine Arbeit ist also das Konzept und die Bürokabinen, die Arbeit der anderen Künstler ist die Bespielung der Kabineninnenräume.
Es wird auch einen Shuttlebus von der BBK zum Kong geben, denn da geht die Ausstellung zum Thema Flucht weiter.
Kunst im Club ist schon ein brisantes Thema. Die Galerien raten mir davon ab, weil das für sie unseriös wirkt und ich selbst habe mich auch lange dagegen gesträubt.
Aber Toulouse Lautrec hat damals auch Kunst im Club gemacht. Im Puff. Und Arnold Böcklin hat im Moulin Rouge ausgestellt. Da hingen sogar Plakate von ihm auf dem Klo.
Die Leute feiern seit den Römern! Sex, Drogen, Alkohol! Das ist Teil der Gesellschaft, man braucht nicht so tun, als ob das etwas Schlechtes wäre. Es gehört einfach dazu und deswegen sollte man sich auch damit auseinander setzten.
Einfach nur ein Bildchen malen und an die Wand von einem Club zu hängen reicht mir allerdings nicht. Das ist keine Auseinandersetzung! Es muss sich auch inhaltlich mit der Crowd beschäftigen.”

Superpaper:
Bist du dann immer nur Beobachter, oder machst du manchmal auch wirklich mit?

Frank Balve:
“Wenn ich feiern gehe, dann will ich mich für eine gewisse Zeit verlieren. Aus dem Alltag ausbrechen. Und da wären wir wieder bei den Bürokabinen.
Aber ich beobachte natürlich auch.
Früher war ich oft nach einer Nacht Durchmalen morgends im Palais, weil es da Frühstück gab. Das war wahnsinnig skurril. Da habe ich viele meiner Konzepte wieder gefunden. Damals hat sich dort wirklich ein Clash von Leuten getroffen. Du setzt dich rein und neben dir ist ein Anwalt, eine Prostituierte, ein Zuhälter und eine 43-jährige Hausfrau, die zum ersten mal wieder am Wochenende frei hat. Keiner kennt sich, aber alle sitzen in diesen seltsamen Blind-Date Mulden.
Ich war da meistens komplett nüchtern und habe mit den Leuten geredet. Es war sehr absurd.
Nehmen wir mal ’120 Tage in Sodom’ von Marquis de Sade. Seancen, Vergewaltigung, Fressen, Maßlosigkeit im höchsten Sinne. Zwischen den Zeilen geht es aber immer um Moral und wie die Gesellschaft sich verhält.
Deswegen interessiert mich Kunst im Club und das ist auch der Grund, warum ich mit dem Kong, Charly und Palais zusammen arbeite.”

Superpaper:
Viele deiner Arbeiten sind ja sehr literarisch inspiriert, deswegen würde es uns sehr interessieren, was du gerade liest!

Frank Balve:
“Momentan lese ich Marquis de Sade und den Koran.”

Superpaper:
Interessante Kombination.

Frank Balve:
“Ja das ist eine deutsche Übersetzung des Korans, die lese ich schon zum dritten Mal. Ich habe mal in Dubai als Übersetzer gearbeitet und irgendwann hat’s mir gereicht und ich wollte den Arabern, deren Kultur ich übrigens sehr schätze, einfach mal Paroli bieten. Ich hatte den Koran dann immer im Rucksack, mit markierten Seiten und Passagen. Im Zweifel konnte ich den dann rausholen und fragen, wo steht das? Wie interpretierst du das?
Naja und ’120 Tage in Sodom’, da bin ich eben auch mal wieder dran. Und ‘Justine und Juliette’, auch von Marquis de Sade.
Gedichte lese ich auch viel. Momentan Arthur Rimbaud und Heinrich Heine.”

Superpaper:
Warum bist du so dämonisch interessiert?

Frank Balve:
“Diese Themen sind einfach zeitlos. Eifersucht, Liebe, Hass, Krankheit. Eigentlich geht es immer um das Gleiche. Genau wie in der Popmusik.
Ich glaube das ist auch der Grund, warum die Leute von ‘bloc’ so angesprochen wurden.
Kindheit ist auch so ein Thema, das wir alle mal hatten.”

Neben dem abgeranzten Sofa, auf dem Frank während unserem Palaver logiert, befindet sich ein sehr präsenter Kühlschrank, der sein Innenleben durch die Scheibe preisgibt. Ein bisschen Wurst, Bier, Eier, alles da.

Superpaper:
Wir haben gehört, dass du neben Haus 75, Max Srba, Nikolas Sanktjohanser, Maximilian Magnus, Werner Schmidbauer, Marcel Teske, ASSEMBLING WoMen 3 und Bernhard Lehner einen Gastrokühlschrank für Red Bull designt hast!
Verrate uns doch mal, wie der in etwa aussehen wird!

Frank Balve:
“In vielen meiner Arbeiten wiederholt sich ja dieses Schaukastenprinzip und diese Cooler haben zwangsläufig etwas von einem Schaukasten. Ich hatte interessanterweise sowieso ein Konzept, das ich mit Kühlschränken umsetzten wollte, lange bevor Red Bull auf mich zugekommen ist.
Dabei wollte ich mit den Objekten in den Kühlschränken arbeiten, die ja eigentlich vergänglich sind und deswegen gekühlt werden müssen, damit man sie anschauen kann. Und diese Objekte werden dann Teil der Skulptur, so ähnlich wie bei diesen Einmachgläsern mit Embryos drin.
Was ich jetzt für Red Bull Curates gemacht habe, ist eine Art Kreuzskulptur, komplett ummantelt mit weißem Papierzellstoff. Das ganze Objekt sieht eigentlich aus, wie ein komplett vereistes Autobahnkreuz. Religionskritisch, marken-, firmen- und regierungskritisch, aber eigentlich weder positiv und noch negativ zu deuten. Mir geht es auch um die Formalität. Der Kühlschrank als Kühlungsobjekt mit dieser Eisstruktur. Außerdem leuchtet er, hat also einen Impulscharakter, was ich auch der Religion unterstelle und der kapitalistsichen Gesellschaft sowieso.
Du willst zugreifen, du wirst gelockt!
Bei Kunst kommt ja auch oft der sellout Vorwurf.
Bin ich sellout, wenn ich etwas verkaufe?
Da denke ich an Metallica und das Black Album. Das ist vielleicht poppiger, aber hat trotzdem einen musikalischen Anspruch.
Ich persönlich wüsste garnicht, wie ich meine Arbeiten extra ‘consumer friendly’ machen sollte. Ich mache sie einfach so, wie ich sie mir denke und so so sind sie eben. Ich muss einfach uneingeschränkt dahinter stehen können.
Jeder Mensch braucht Kunst. Früher wurden eben Höhlenwände angemalt, aber der Impuls war immer da. Genau wie das Kollektivgefühl. Der Mensch braucht Kunst und wenn sie nicht da ist, dann fehlt etwas. Vielleicht ist das genauso, wie mit dem Feiern.”

Wo und ab wann kann man den ausgestellt sehen, bzw. seine Drinks daraus serviert bekommen?
Nach Los Angeles, San Francisco und London kommt Red Bull Curates vom 17.10.-20.10.2013 zum ersten Mal nach München.
Die Vernissage ist am 18.Oktober mit anschließender After-Show Party (DJ SHOW-B) für 400 geladene Gäste in der neuen Münchner Location MMA (MixedMunichArts), einem ehemaligen, stillgelegten Heizkraftwerk in der Katharina-von-Bora Straße.

Superpaper: Wir sehen uns dort!
Danke!