Bart ist das neue Schwarz

Es war einmal ein aus einem dampfenden Bad heraus steigender Niveamann, niedlich, ganz weit weg von Gandalf, Jesus oder Che Guevara.

Er gibt seinen rosigen, glattrasierten Wangen den letzten Schliff mit lieblich duftendem Aftershave und läuft dann fröhlich in die Welt, um allen seinen V-Ausschnitt vorzuführen.

Als Faustregel gilt, Gesichtshaar, welches über einen kussweichen Dreitagebart hinauswächst, ganz zu schweigen von Vollbart ist mitten auf der Achse des Bösen oder völlig jenseits von Gut und Böse zu verorten.

Doch was vor nicht allzu langer Zeit Terroristen, Oparockern, Truckern, Eremiten, Nikoläusen, Countrymusikern und vielleicht noch den erwachsen gewordenen Mitgliedern von Take That vorbehalten war, erzählt nun Geschichten in vielerlei Gesichtern.

Ja, es ist Zeit die Neuzugänge der Bartträgerschaft näher zu beleuchten.

Sie sind meist jung, ihr Territorium ist der urbane Jungel, ihre Bärte sind prachtvoll.

Hat man Glück, kann man einen in vollem Ornat beobachten, mit Militärparka, wildem Rucksack und Holzfällerhemd, unterwegs mit dem Offroadjeep ins Büro.

Warum?

Was hat sich da in Kreuzberg, Brooklyn und Shoreditch wieder zusammengebraut?

Was will uns der Zeitgeist hier schon wieder sagen?

Die neuen Bärtigen leben in Großstädten, sehen aber so aus, als wären sie auf einem Selbstfindungstrip in der Wildnis.

Vielleicht begann die Bartrenaissance also irgendwann 2007 mit „Into The Wild“, filmgewordenem Ausdruck einer kollektiven Sehnsucht nach Aussteigen, Ausbrechen aus allen Abhängigkeiten und das Zurückfinden zur wahren Natur.

Vielleicht hatte auch ein recht hübschen Umweltaktivisten namens David de Rothschild, Gründer von „Adventure Ecology“ etwas mit der Sache zu tun.

Sich Herausforderungen wie dem Klimawandel zu stellen, erfordert viel Mut.

Da helfen ein paar inspirierende, bärtige Vorbilder, denn Bärte sehen zwar in allen Farben gut aus, sind aber in Wahrheit grün.

So kann man sich gut vorstellen, dass die Träger mit ihrem Fixie zum Urban Gardening fahren und dort mit Pfeife und Gitarre Radieschen beobachten.

Wahrscheinlich währen sie auch sofort bereit auf eine vegane Selbstversorgerfarm mit Internetanschluss zu ziehen.

Der neue Bart ist wie alle Moden ein Geschichtenerzähler, eine Projektionsfläche und ein Zeichen der Haltung des Trägers.

In einer komplexen Welt voller Krisen ist die Sehnsucht nach Helden, nach guter alter Männlichkeit und guter alter Zeit groß.

Genau das ist ein Bart vor allem anderen, wahrlich männlich und wahrlich retro.

Wir recyclen und upcyclen nicht nur unseren Müll, sondern auch Ästhetiken, ob orientiert an alten Weisen oder jüngeren Wilden.

Der Bart ist Flohmarktcharme fürs Gesicht. Er schafft Tiefe und Charakter, wo sonst vielleicht nur ein Milchbubi wäre. Man kann aber nicht nur in Schuhe oder Hosen, sondern auch in einen Bart hinein wachsen.

Ein voller Bart steht für eine Blockhütten-bauende Männlichkeit, was nach der sogenannten Emanzipation der Frauen zu gewissen Imageproblemen führte.

Einst hochstilisiert zum Grobian, danach weichgespült zum Männergruppensoftie und Emoschnuckelchen, darf es nun endlich auch wieder richtige Männer geben.

Endlich haben wir die völlige Androgynität hinter uns gebracht.

Die Soziologen streiten sich allerdings immer noch um Geschlechterrollen. Gibt es die noch? Braucht die Gesellschaft männliche Männer und weibliche Frauen? Hat Männlichkeit und Weiblichkeit vielleicht gar nichts mit dem tatsächlichen Geschlecht zu tun, sondern setzt sich vielmehr aus archetypischen Attributen zusammen?

Wie dem auch sei, ein Bart ist ein wunderschönes archetypisches Attribut, das zusammen mit langen Haaren sogar noch nach Revolution und Weltverbesserung aussieht.

Bleibt der Bart also nicht nur ein faules Hipsterversprechen, dann dürfen die neuen Männer gerne noch mehr werden.