Hamansutra

Haman oder offiziell auch Hamansutra genannt, ist Graffittikünstler, Grafikdesigner, DJ und Modedesigner. Wie schafft man das mit nur 24h am Tag, frage ich mich.
Ich hatte schon einiges, was er so über sich selbst an Videos im Internet bereit stellt, studiert. In einem davon kommt sein Model zu spät im Studio an und muss dann erstmal zehn Liegestützen machen. Damit es mir nicht auch so geht, achte ich heute sehr genau auf Pünktlichkeit!

Superpaper: Lieber Haman, ist das dein ernst?

Haman:
Ja, das ist alles echt! Sie wusste nicht wirklich, was wir an dem Tag mit ihr vorhatten.
Der eigentliche Inhalt des Videos ist das schnellste, maßgeschneiderte Outfit und spielt hauptsächlich in meinem Studio in New York. Ich habe dem Model vor laufender Kamera innerhalb von 15 Minuten einen hautengen Overall auf den Leib geschneidert.
Wir haben dafür eine Frau gesucht, die zu unserer Philosophie passt, selbstbewusst ist und ein Talent zum Schauspielern hat.
Ich kritisiere in dem Film mitunter auch Agenturen, die Models vorbei schicken, die eigentlich garnicht existieren und dann plötzlich ganz anders aussehen und andere Größen haben. Außerdem zicken die Agenturen immer fürchterlich rum, wenn du mal einen Freishoot machen willst. Da kriegst du die allergrößten Zombies. Also habe ich zusammen mit einem japanischen Fotografen dieses Video gemacht. Wir sind einfach raus auf die Straße und haben spontan Leute angesprochen.
Die meisten sind skeptisch, deswegen musst du einen großen Enthusiasmus haben und die Leute schnell entertainen können, damit sie Lust haben, mitzumachen.
Die Liegestützen kommen von der Präzision beim Militär und vom Kampfsport. In New York ist nie jemand pünktlich, denn die Ubahnen sind nie pünktlich. Das ist auch der Grund, warum ich immer zu spät zum Thaibox-Kurs gekommen bin und dann vor allen 50 Anwesenden Liegestützen machen musste. Es ist einfach peinlich!
Das Mädel war auf jeden Fall erstmal überrascht, aber sie hat durchgehalten. Sie ist Balletttänzerin, also sehr athletisch und das liebe ich.

Superpaper: Wie kamst du darauf?

Haman:
Die Vorgeschichte dazu ist, dass ich bei “Wetten dass…?” in China eingeladen war und dort das schnellste Sakko geschneidert habe. Eigentlich wollte ich damit zu Thomas Gottschalk, vorallem weil er immer so mit seinem Modegeschmack angibt und dabei die hässlichsten Outfits der Welt an hat. Ich hätte ihm dann während der Show ein schönes Sakko maßgeschneidert.
Die deutsche Agentur hat das allerdings nicht verstanden und so ging die Idee eben weiter zur chinesischen Version von “Wetten dass…?”, “Wanna challenge”.
30 Mio Leute haben das gesehen!
Diese Idee verfolge ich weiter, deswegen auch das Video mit dem Speedoverall.
Ich stelle mir vor, dass in Zukunft Couture so schnell gemacht wird, wie ein Crepe oder ein Big Mac, innerhalb von drei Minuten. Du gehst in einen Supermarkt, wirst vermessen und bekommst dein maßgenschneidertes Teil sofort serviert.
Ich hoffe, diese ganze China-Manufaktur wird bald in die Ecke geschmissen. Es sollte immer von guten Handwerkern, unter guten Bedingungen produziert werden.
Bei Mode geht es ja erstmal um die Oberfläche. Dabei ist es mir sehr wichtig, dass alles konzeptionell durchdacht ist und auf lange Sicht hin funktioniert. So denke ich.

Superpaper: Du hast ja auch einen eher Mode-untypischen Hintergrund.

Haman:
Stimmt, ich habe nie bei den klischeehaften Modebrands gearbeitet, das hat mich nicht interessiert.
Mein Schneiderhintergrund ist die Militärschneiderei und das Theater.
Ich habe auch Mode studiert, indem ich mich nicht für Mode interessiert habe. Ich werde nie vergessen, wie ich das allererste mal an einer Nähmaschine gesessen bin, als ich angefangen habe zu studieren. Es war eine Industrienähmaschine, ich hatte keine Ahnung und meine Hand hätte das fast nicht überlebt. Alles was ich wollte, war meine Zeichnungen real umzusetzten und so war ich gezwungen, Schnittmuster und Nähen zu lernen.
Ich wollte nicht immer nur träumen, sondern meine Ideen in 3D sehen. Jetzt sitze ich Tag und Nacht an der Nähmaschine. In diesem Sinne bin ich eher ein Techniker. Ich weiß alles über Nähmaschinen, ich kann schrauben, ich kann ölen, ich kann Prototypen erstellen. Aber mir geht es jetzt nicht darum, die geradeste Linie der Welt zu nähen. Wenn ich technisch etwas nicht weiß, setze ich mich mit meiner Schneiderin zusammen und sage: Hey, du machst das seit 30 Jahren, machs besser.
Ich konzipiere, erstelle die Lookbooks und mache das ganze Marketing. Egal wie perfekt ein Produkt ist, wenn die Vermarktung nicht simmt, passiert nichts. 90 Prozent des Erfolges hängt am Marketing.
Deswegen explodiert auch dieser Kopf hier, weil ich ständig damit beschäftigt bin, wie ich meine Sachen auf die Straße bringe.

Superpaper: Wie genau kamst du zum Modedesign?

Haman:
Man sagt ja immer, das Genie herrscht über das Chaos. Meine Plattensammlung hat auch keine erkennbare Ordnung, aber ich weiß ganz genau, wo alles ist und so ist das auch mit meinem Werdegang. Angefangen habe ich mit Graffitti, man kann sagen ich war 10 Jahre lang ein echter hardcore Graffittiwriter, habe Züge bemalt und so weiter.
Ein paar mal wurde ich erwischt und war damit in der Presse, damit habe ich Aufträge bekommen. Im Endeffekt musste ich kriminell sein, damit meine Arbeit anerkannt wird. Das war schon meine erste Lehre in Sachen Marketing. Ich wollte aber nicht auf der Graffittisache hängen bleiben, sondern meine Kunst weiter entwickeln und habe deswegen Grafikdesign studiert.
Dann habe ich ein Angebot von Jung von Matt bekommen, einer absoluten Top Werbeagentur, von der ich aber bis dahin noch nicht einmal was gehört hatte. Ich wollte eigentlich am liebsten weiter studieren, hab dann aber doch angefangen dort zu arbeiten und bin nach Hamburg gezogen.
Dort hatte ich plötzlich die Deutsche Bahn als Kunde, deren Züge ich früher besprüht hatte.
Wenn die wüssten.
Ich war also plötzlich Werber, mit weißem Hemd und allem Drum und Dran und das passte einfach nicht zu mir. Deswegen habe ich mich heimlich in London an der Saint Martins für Modedesign beworben und wurde genommen.
Das hieß Job kündigen und nach London, ohne Wohnung, ohne Geld, ohne Sprache, nur mit diesen Studienplatz ausgerüstet. Ich habe dann parallel als DJ und Grafiker gearbeitet und bin wirklich richtig ins kalte Wasser gesprungen.

Superpaper: Wie war deine Abschlussmodenschau?

Haman:
Die Models in der Show waren alle Bodybuilderinnen, einfach weil ich Sport und sportliche Frauen liebe. Das war etwas ungewöhnlich damals. Ich habe auch Schuhe dafür designt. Ich hatte in London die Schuhmacherin von Marylin Manson kennen gelernt und die hat meine Schuhe produziert, die die Bodybuilderfrauen anhatten. Schuhe, mit integriertem Schuhlöffel, die man damit dann auch an die Kleiderstange hängen kann.

Superpaper: Was kam dann?

Haman:
Nach meinem Abschluss in London bin ich wieder zurück nach München und habe als Dozent gearbeitet. Ertsmal an der Blocherer Schule und dann an der AMD. Dort habe ich Visualisierung, also Grafikdesign für Mode unterrichtet.

Danach bin ich nach New York ausgewandert.

Ich habe als Kind schon mit meinen Eltern ein paar Jahre dort gelebt und es ist einfach der Platz wo ich hingehöre.

Ich hatte hier in München ein super Studio in der Buttermelcher Straße und hab das dann einfach komplett in einen Container verfrachtet.

Am Anfang war es hart. Damals war die Wirtschaft total am Boden und nichtmal die Amis selbst hatten Arbeit. Die ersten drei Jahre waren jobmäßig gesehen eigentlich eine Katastrophe. Ich hatte zwar ein tolles Studio in Williamsbourgh, Brooklyn, aber keine Aufträge.

Doch dann wurde es schlagartig besser, ich bekam einen Job an der Miami Ad School als Dozent und das mache ich bis heute.

Ich liebe Unterrichten, weil ich da einfach parallel Mitstudiere. Meine Studenten sind später auch oft meine Assistenten und können in meinem Studio weiter arbeiten.
Parallel habe ich eine Denim Linie und eine Schuhlinie entwickelt.
Die Schuhe heißen CMYK, nach den vier Druckfarben. Die Schnürsenkel sind mit den Enden von Kopfhörerkabeln vesehen. Man kann die Männervariante mit der für Frauen zusammenstecken.

Die Prototypen habe ich in der bayerischen Staatsoper hergestellt, wo ich damals Praktikum gemacht habe. Du siehst, ich arbeite schon seit einiger Zeit an diesem Projekt.
Man macht einiges durch, wenn man an deine Arbeit glaubt und mit Seele dabei bleibt.
Egal was man macht, man wird erstmal ausgelacht. Solange, bis der erste Erfolg kommt.

Superpaper: Woher kommt dein Labelname Hamansutra?

Haman:
Das kam durch Helden der Großstadt, da hatten wir diese Aufkleberaktion mit den Portraits drauf. Ich war Graffitikünstler, im Untergund, anonym. Mit Helden der Großstadt haben wir genau das Gegenteil gemacht. Ein bisschen so, wie wenn du der Polizei einfach freiwillig deinen Fingerabdruck gibst. Für diese Aktion haben wir uns alle Namen gegeben, wie Superhelden. Und ich habe mich eben Hamansutra genannt, den Helden des Sutra, der alle Positionen kann. Da war ich 17. Später hab ich den Namen als DJ benutzt. Als Designer interessiert mich ja auch sehr das Technische, ich hatte schon den Slogan ‘Clothing with Instructions’. Ab da bin ich bei dem Namen geblieben.

Superpaper: Wie schaffst du es, dich während Durststrecken zu motivieren?

Haman:
Man macht eine extrem einsame Zeit durch. Das meine ich garnicht negativ, es bedeutet einfach eine Phase hoher Konzentration.
Da ist auch wieder der Kampfsport mein Vorbild. Man muss eine bestimmte Technik lange üben, bis man sie dann im entscheidenden Moment gegen einen Gegner richtig anwenden kann.
Du kannst auch die Philosophie vom Schmetterling oder sonstwas benützen, aber ich hole mir das über den Kampfsport.

Haman sitzt da, trinkt sein ACC akut, das er Hustensaft nennt und versucht die Kellnerin mit entwaffnender Freundlichkeit dazu zu bewegen, ihre etwas verschüttete Liebe zum Service wieder aufleben zu lassen.

Superpaper: Was machst du momentan?

Haman:
Ich bin Dozent an der Miami Ad School und Berater für Cazal. Ich arbeite außerdem an meiner Schuhkollektion und an meiner Denimlinie. Es gibt wahnsinnig viel, aber ich rede lieber erst darüber, wenn es auf dem Tisch liegt. Man sagt immer, Künstler verabscheuen Kommerzialität! Das würde ich so nicht sagen, ich liebe Kommerzialität! Meine Schuhe sollen kommerziell werden! Aber ich produziere eben nicht in China! Das ist für mich das Allerletzte, da steckt keine Seele dahinter.
Das ist Investoren leider sehr schwer zu erklären, aber meine Produkte wachsen eben organisch, wie ein kleines Kind. Wenn ich wegen Geld nicht den letzten Knopf finanzieren kann, dann bringe ich es einfach noch nicht raus. Manchmal dauert das vielleicht länger, aber dann sind sie auch wirklich gut und Qualität hat eben auch seinen Preis.

Superpaper: Gäbe es etwas, das du niemals designen würdest?

Haman:
Wenn du ein Gefühl für Design hast, kannst du alles gestalten. Manche sagen ja, der Schuster soll bei seinen Leisten bleiben. Also um Gottes Willen, so bin ich nicht.
Ich habe immer vielseitig gearbeitet und kann viel machen, aber ganz wichtig ist mir meine Freiheit. Der Designer wird gebucht, um den Wünschen des Kunden gerecht zu werden und der Künstler muss mit seinen eigenen Problemen klar kommen. Ich bin irgendwo zwischen Design und Kunst. Dementsprechend dauert es auch länger, bis ein Kunde akzeptiert, was ich vor habe.
Wenn jetzt einer kommen würde und sagt, wie wär’s mit einem Kochlöffel? Dann würde ich das machen. Allerdings nur, wenn mein Name nicht auftaucht und ich mindestens ein Jahr lang alle Mausis einladen kann(lacht)!
Aber C&A und anderer Massenbullshit niemals.

Superpaper: Wer sind deine Kunden?

Haman:
Bei der Denimlinie stelle ich mir vor, dass die Träger selbst Handwerker sind. Denim ist ja sehr robust und auch ursprünglich eine Arbeitsklamotte. Und natürlich Leute, die gut verarbeitete und gut produzierte Sachen zu schätzen wissen.
Diese Handwerkskunst in Mainstreamprodukten zu suggerieren findet man ja leider auch häufig. Da hängt irgendwo ein Faden raus und dann soll man meinen, dass das Teil gerade direkt aus der Manufaktur kommt.
Meine CMYK Schuhe sind sehr vielseitig und so sollen auch die Träger sein. Tänzer, Künstler, Kreative, fürs Büro, für den Club.
Insgesamt wünsche ich mir, dass es Leute mit Wissen sind und mit einer guten Ästhetik. Ich sage bewusst nicht Geschmack. Des is gschmackssach, ist so ein typischer Spruch von jemandem, der nicht mehr weiter weiß.

Superpaper: Wo bekommt man deine Sachen her?

Haman:
Henrik Vibskov verkauft meine Schuhe in seinem Laden in New York.
Außerdem findest du sie in der Theresienstraße 66. Das ist ein Interior Design Laden, die meine Schuhe, Denimkollektion und Cazalbrillen sozusagen als Dekoration haben. Da machst du dann einen 8000 Euro Eukalyptuschrank auf und drinnen sind dann Schuhe für 280 Euro. Das ist ungefähr so, wie wenn man im Supermarkt für 150 Euro einkauft und dann noch ein Knoppers für 35 Cent mitnimmt.
Ich arbeite einfach gern mit Querdenkern zusammen und eben auch mit Querläden, nicht dieses typische Fashion-Jeremy-Scott-Glitzer-Blingbling.

Draußen steht Hamans Fahrrad, das aussieht, als wäre es die unmotorisierte Form des Motorrads, mt dem Che Guevara durch Südamerika gedüst ist.
Wir gehen noch kurz im Laden in der Rumfordstraße 12 bei Philipp Hanske vorbei, in dem man ebenfalls die CMYK Schuhe kaufen und sich sogar noch maßanpassen kann.
“Das ist ein bisschen, wie wenn Prada mit Birkenstock kooperiert.”
Ich sage, awesome! Danke, Haman!