“I (heart) NY”-Shirt

“Ach Brigitte, du auch in Kuala Lumpur! Is schön hier, ne?” Manch einer freut sich vielleicht über solche Spuren der Heimat. Für den anderen jedoch sind diese Zwischenfälle eine Qual. Dabei offenbart sich vor allem die beunruhigende Tatsache, nicht der Einzige zu sein, der sich auf große Fahrt begeben hat. Insgeheim gibt es wohl zwei große Antipoden in der Welt der Touristen, bei deren Einteilung die persönliche Selbsterkenntnis und Rollenakzeptanz entscheidend sind. Auf der einen Seite traveln jene, die einen Panzer aus atmungsaktiven Hightechtextilien oder ironischen T-Shirt-Aufdrucken tragen und nur das Wort ‘Bier’ oder ‘laktosefreie Milch’ in der Landessprache sagen können. Auf der anderen Seite weltenbummeln die, die sich ertappt fühlen, wenn ihr Akzent von hellhörigen Ohren aufgespürt wird und ihre perfekte Hennatattoo- und ausgebleichte Jeans-Tarnung auffliegt.

Und dann gibt es John Lennon, der es geschafft hat in einem Souvenirstandshirt cool zu sein. Wie ist das möglich?

Jenes berühmte Foto, das ihn mit verschrenkten Armen, einem 5$-Shirt mit abgeschnittenen Ärmeln und der klassischen runden Sonnenbrille auf einem New Yorker Hausdach zeigt, wurde 1974 geschossen.

Allerdings steht auf diesem Shirt einfach NEW YORK CITY. Nichts zu sehen von roten Herzen oder Buchstaben in American Typewriter.

Das berühmte Rebuslogo wurde erst 1977 verbreitet.

Es entstand im Zuge einer großangelegten Imageverbesserungskampagne für den Staat und die Stadt New York und wurde von Milton Glaser gestaltet. Damals brachte man New York vor allem mit brennenden Mülltonnen, Drogen und Schießereien in Verbindung und Touristen trauten sich kaum auf das furchteinflößende Pflaster. Die Lage war ziemlich düster. Nichtmal Milton Glaser selbst glaubte an den Erfolg der Unternehmung, doch das Mantra “I (heart) NY” hat sich millionenfach erfüllt. Und das obwohl John Lennon vier Jahre danach im gefährlichen New York voller Verrückter erschossen wurde. Vielleicht ist es die Kombination aus tragischem Glamour und knuffeliger Wort-Bild-Kombi.

Was auch immer das Geheimnis ist, es drückt konstant den Walk-On-The-Wild-Side-Knopf. Es prangt nicht nur auf T-Shirts, sondern auf allem, das man irgendwie bedrucken und verkaufen kann. Diese Ikone ist absolut demokratisch.

Nach dem 11. September wurde das Logo und besonders das Shirt Symbol des Mitgefühls und Zusammenhalts. Milton Glaser selbst wandelte es mit einem kleinen Fleck auf dem Herz ab, der den Ort der Katastrophe markiert.

Nach dieser zeitweisen Umkodierung ist “I (heart) NY” wieder in erster Linie Uniform des sympathischen, allgegenwärtigen Tourists.

Damit bekleidet zelebriert er die eigene Fremdheit und den endlich besuchten Sehnsuchtsort gleichermaßen. Außerdem ist es in diesem einzigartigen Fall sogar möglich, dass er sich zusätzlich in charmanter und höflicher Weise seiner Umgebung anpasst, denn es gibt tatsächlich auch New Yorker, die dieses Shirt tragen.

Hier ist allerdings Fingerspitzengefühl gefragt. Zwischen purer Tourismusbejahung, fröhlich halb-ironischem Zitat, oder gar wüsten Auswüchsen des Exilschwabentums “I (heart) Stuttgart”, liegen Welten. In der einen Welt lässt der Träger das Rot des aufgedruckten Herzens authentisch in der Central Parker Sonne ausbleichen und schreibt mit einem Füller in sein Moleskine. In der anderen bekleckert jemand gröhlend sein gebleichtes Baumwollweiß am Times Square mit Senf. Imagine.