It’s only rock and roll and it’s plastic, plastic, yes it is!

“Only Anarchists Are Pretty”. Danke Punk, danke für diesen Meilenstein der Kulturgeschichte. Das topinnovative Paar Vivienne Westwood und Malcolm Mc Laren haben das schon 1974 verstanden. Sie waren nie mit den Hippies in San Francisco; mit irgendwelchen Blumen im Haar, aber zerrissene Jeans nahmen sie auch mit in das Programm ihrer legendären Anarchistenboutiue. Furios auf den Punkt kamen sie bei der Namensgebung nach “Let it Rock” und “Too Fast To Live, Too Young To Die” auf den Knaller “Sex” und entwickelten sich dann apokalyptisch plakativ weiter zum heutigen “World’s End”.

Sie vermarkteten und verkörperten den unwiderstehlich wilden Charme der Antibürgerlichkeit. Das volle Müllornat mit nihilistischem Sicherheitsnadeltopping wurde zum Symbol und Status fernab des klassisch Schönen und allgemein Akzeptierten. Nichtsdestotrotz ist Vivienne Westwood heute eine eher anstrengende, sehr reiche Frau, deren Kunden in den etablierten Kreisen zu finden sind, Gloria von Thurn und Taxis hat sich auch schon mal die Haare gefärbt und der finster drein schauende Nietenträger da drüben war eben noch mit Mama und Papa neue Doc Martens shoppen. Doch Punk’s not dead und vor allem Trash is very much alive.

Der Mode die Magie des Untergrunds einzuhauchen verlangt große Kunstfertigkeit, denn die vermeintlich nihilistische Oberfläche muss die Sehnsucht der Zeit spiegeln, um begehrt zu werden.

Jener so lebendige Straßenstil der Zelebration des vermeintlich Hässlichen und der Zerstörung ist momentan ein munteres Sampeln aus 80er Zombies, Omastil und Heroinchic. Eine Ästhetik, die auch während einer Mid-Twenties-Breakdown Dachbodenparty entstanden sein könnte.

Geboren aus Wirtschaftskrise, Arbeitslosigkeit und Leistungsdruck, verfolgt von Tumblr, Urban Outfitters und Luxusflohmärkten rennen die Bärte und pinken Hipsterinnenhaare durch die Städte, irgendwo zwischen Authentizität und Attitüde. Zur Revolution gegen die bürgerliche Identität steht den geneigten Subversiven eine Vielzahl an Symbolen zur äußerlichen Abgrenzung und internen Kommunikation zur Verfügung. Man trage zum Beispiel in exhibitionistischer Bescheidenheit und/oder als Nirvanahommage einen uralten Rotzringelpulli, kremple die Hose in dandyelegantem Knöchelstolz nach oben und werfe sich dann noch den gewitzt selbstbedruckten Jutebeutel über.

Gemeinsam ist diesen Symbolen trotz aller Pretentiösität die Kraft einer neuen Autonomie, das Verantwortung übernehmen und sich unabhängig machen von der Gesellschaftsmaschine. Kleidertausch statt H&M, eigenes Gemüse statt Aldi, Lagerhalle statt Ikeanest.

Oberflächlich betrachtet ist Trash zunächst eine Beleidigung für alle Uneingeweihten, die Statisten außerhalb der Subkultur. Für die Protagonisten jedoch ist es ein hochverfeinertes Codesystem, ein Gegenentwurf zur hochglänzenden Perfektion, ein kreativ spielerischer Rundumschlag, Brainstorming aus der Recyclingtonne. Ensteht Trash erst durch das ironische Zitat? Man denke nur an die frühe Badtaste-Party, anfangs noch Entschuldigung zur Auslebung tabuisierter 80er-Fantasien.

Trash ist aber nicht nur bunte Dekadenz, es ist auch die Schönheit des Verfalls. Das Loslassend und die Erleichterung der Katharsis, erst möglich durch die Fallhöhe des tragischen Helden. Dazu passt dann ein Spritzer ‘ck-be’, der Duft zugedröhnter und erschöpfter Supermodels. Nach den überdrehten Aerobic-80ern und vor lauter Power und Blondheit strotzender Claudia Schiffers und Cindy Crawfords war es damals wohl auch mal wieder Zeit für die Poesie der Selbstzerstörung und die ruhige Magie von Augenringen in schwarzweiß. Heute kann man das alles gleichzeitig haben, obwohl gefühlt eher Düsternis vorherrscht. Courtney Love hat jetzt eine Modelinie, es gibt Serien, in denen statt glamourösen Modenymphomaninnen dickliche Mädchen in unbezahlten Praktika ausgebeutet werden, oder unbescholtene Lehrer Meth kochen. Es herrscht auch eine gewisse zynisch-zoologische Faszination für die Generation X-Diaries oder amerikanisch betrachtet der Wohnwagenhillbillies. In lässiger Anticoolness besucht man Kneipen, die Namen wie Gisis Stüberl tragen und ganzjährig weihnachtlich dekoriert sind, besorgt sich ein Knasttattoo oder zelebriert parkatragend Currywürste, die auf Pappteller geklatscht werden. Somit sind Leute die Großstädter in Pennerklamotten und Iphone für Paradox halten, eindeutig Kulturbanausen.