Sofaritzen-Energie

Die gute, alte Work-Life-Balance. Der klassische 9-to-5 Job wandelt sich wolverine-mäßig agressiv immer mehr zum 24h-Zustand. Die zeitlich und räumlich abgegrenzten Bürostunden bekommen Spezialausmaße. Immer erreichbar sein, immer arbeiten, immer das tun, für was man brennt. Kommunikation nonstop. Das mobile Internet hat unser Arbeitsverhalten von Grund auf umgekrempelt. Das ist nicht nur subjektive Erfahrung, sondern auch physische Manifestation, wie zum Beispiel im legendären Stadtmem, dem Macbook-Starbucks-Worker. Er blickt konzentriert drein, seine Nerdbrillengläser sind in sanft bläuliches Licht getaucht und er arbeitet da, wo ursprünglich Freizeit stattfand. Außerdem gibt es Objekte, die uns genau diese Art zu Leben und Arbeiten attestieren, bzw. vereinfachen sollen. Ein solches Objekt ist die 2013 erschienene Volt von Cor, gestaltet von Uwe Fischer. Eine Steckdosenleiste? Irgendwie schon. „Sein Steckerkopf schmiegt sich harmonisch in die Ritze“ verspricht eine Produktbeschreibung. So kann man stylisch auf dem Sofa arbeiten, ohne dass der Laptop erlahmt. Dieses Ding ist herrlich kontrovers. Man ist versucht, es zu belächeln, besteht seine Besonderheit doch letztlich nur in einer Art maulwurfsschaufeliger Form, die es erlaubt, eine Steckdosenleiste zwischen die Sofapolster zu quetschen. Das Ganze ist dann noch versehen mit einer sogenannten „Soft-Touch-Oberfläche“, haptische Verführung für einen Gegenstand, der sonst eher in die Ecke geknallt und möglichst nicht gesehen, geschweige denn angefasst werden soll. Hätte Uwe Fischers Konzeptdesignerherz noch etwas mehr über die Stränge geschlagen, dann gäbe es zur Cor Volt wahrscheinlich noch flauschige Bezüge, so dass man sie beim Powernapping im dazu passenden Sofa Scope als Kissen benützen kann. Scope, natürlich auch von Uwe Fischer für Cor, ist eine flexible Sitzeinheit. Je nach Bedarf kann man sie anders gruppieren, auch die Lehne lässt sich so erhöhen, dass sie „Denkerzelle, Arbeitsinsel, Ruheplatz oder Sitzgruppe“ sein kann. Genügend Scopes wabenartig aneinandergebaut, in jedem ein fleißiger Freigeist mit Laptop, der an der Cor Volt hängt, schöner könnte man nicht Bienenvolk spielen. Cor Volt steckt nicht nur zwischen Scopepolstern, es steckt zwischen unseren Leben und zwischen den Zeiten. Wir können noch halb mit Frühstücksei bekleckert, businessmäßige Telefonate führen und bis spät in die Nacht arbeiten, auf dem gleichen Sofa, auf dem wir danach unseren Einschlaffilm sehen und wegdämmern. Wahrscheinlich brauchen wir in absehbarer Zukunft nicht einmal mehr Kabelsalat oder streichelzarte Steckdosenleisten, weil der Strom genau wie das Internet in losgelöster Eleganz seinen Bestimmungsort erreicht. Über die Gefahren eines solchen Lebensstils ist schon viel gesagt worden. Genauso wie die CPU mit zu hoher Core Voltage erstmal übertaktet und danach verschrottet wird, ist vom übermäßigen Gebrauch der Cor Volt und Arbeitsoverclocking abzuraten. Zwischen Ernst und Ironie, zwischen Gestern und Morgen, die Cor Volt ist ein Angebot unseren Lebensstil zu zelebrieren und zu hinterfragen.