Urban Gardening in München

„O’pflanzt is’“, hört sich sehr zünftig an und das ist es auch: Das erste urbane Gartenprojekt Münchens ist im Mai gestartet und trägt nicht nur tomatige Früchte.

Urban Gardening, Gärtnern zwischen Beton und Straßenbahn sowie Guerilla Gardening, das illegale Pendant dazu, kennt man bereits aus hippen Großstädten. Jetzt endlich kann man auch als Isar-Indianer mit Gießkanne vorstellig werden, oder einfach mal in der Mittagspause nach der Vorlesung vorbei kommen, denn „O’pflanzt is’“ ist direkt am Leonrodplatz und für jeden da.

Das Grundstück und seine brachliegende Wildnis warteten eigentlich als Platz für das Pressedorf auf Olympia, wie wir wissen, vergebens. Denn Münchens Bewerbung scheiterte. Für viele eine Enttäuschung, für den potentiellen Garten ein Glück. Um die Gründungsgeschichte ranken sich einige Mythen, genauso wie das bei grüner Stadtromantik auch sein sollte.

Angefangen hat alles mit einer Art Erweckungserlebnis, ausgelöst durch den Film „Gründämmerung – Neue urbane Gärten im Portrait“ der Stiftung Interkultur. Hier werden Bürger gezeigt, die selbst Verantwortung für mehr Grün in ihren Städten übernehmen – unabhängig von den jeweiligen politischen Bestrebungen.

Also machten sich die Gründer von „O’pflanzt is’“ in München voller Tatendrang, inspiriert von den karismatischen Gärtnern im Film und den sich ihnen bietenden Möglichkeiten, mit dem Fahrrad auf den Weg. Ein passendes Gelände fanden sie promt an der Schwere-Reiter-Straße am Olympiapark. Mitten in München ist so ein Gründstück normalerweiser unerschwinglich. Wenn es überhaupt zu mieten ist. Doch offensichlicht war der grüne Olymp ihnen hold. Doch es sollte alles seinen legalen Weg gehen. Deshalb fragten die Gründer offiziell bei den Zuständigen des Freistaates an.

Denn die Zuständigen des Freistaats waren ausgerechnet ein kurz vor der Pension stehender Schrebergärtner und ein frisch gebackener Vater in Weltverbesserungsstimmung. Beide waren von der Idee, einen großen öffentlichen Garten mitten in München anzulegen, sofort begeistert. Und zeigten sich sehr kooperativ.

Zwar gibt es keine Wasserzuleitung, aber die Gärtner bringen Wasser für die Pflanzen einfach selbst mit und fangen es in Regentonnen auf. Der Strom kommt aus Solarzellen.
Der Garten hat insgesamt erfrischend wenig mit Schrebergärten zu tun. Es gibt weder Parzellen, noch Menschen mit Reservierungszwang. Jeder kann überall mitarbeiten. Alles ist aus Recyclingmaterialien selbst gebaut, so zum Beispiel das Gewächs- und gerätehäuschen.

Organisiert ist „O’pflanzt is’“ als gemeinnütziger Verein, geplant eher top-down, nicht bottom-up, aber natürlich Grassroots. Das heißt, das Projekt begann mit Zielanalyse, Finanz- und Gartenplan und nicht mit einem einzelnen Sack Erde und einer Tomatenpflanze.
Die O’pflanzer wissen was sie tun und warum.

Ein wichtiges Thema für sie ist Permakultur. Das ist ein Konzept, das auf die Schaffung von dauerhaft funktionierenden, naturnahen Kreisläufen zielt. Ursprünglich für die Landwirtschaft entwickelt, ist sie inzwischen ein Denkprinzip, das auch Bereiche wie Energieversorgung, Landschaftsplanung und die Gestaltung sozialer Strukturen umfasst. Grundprinzip ist ein ökologisch, ökonomisch und sozial nachhaltiges Wirtschaften mit allen Ressourcen.

Darüber bietet „O’pflanzt is’“ Workshops im Garten an. Auch über Wildniskochen, Saatvielfalt oder Upcycling.

Momentan ist in der urbanen Gartenoase noch eine eher homogene Truppe internetaffiner Städter um die 30 anzutreffen. Allerdings sind auch jetzt schon ein paar ziemlich einzigartige Originale dabei: Der sympathische und stolze Gurkengärtner mit weißem Vollbart und Strohhut oder die rothaarige Kräuterhexe, die mit Tomaten spricht. Um weiteren interessanten Zuwachs zu bekommen und sich im Viertel zu integrieren, wollen sie direkt auf die Menschen in der Nachbarschaft zugehen – auch auf Alters-, Flüchtlingsheime und Blindeneinrichtungen. Vielleicht mit einer Samenbombe als Willkommensgeschenk?

Die Frage nach der allgemeinen Guerillagardeninggesinnung stellt sich bei „O’pflanzt is’“ zwar nicht direkt. Innerhalb des Gartens ist alles komplett legal und es gibt viel zu tun, allerdings würde wohl niemand „nein“ sagen zur Beblumung einer Verkehrsinsel oder grüner Bewucherung von Dächern.

Der Trend zur notfalls auch illegalen Eigeninitiative, um sich den urbanen Raum mehr zu eigen zu machen, ist in vielen Großstädten fast zeitgleich aufgetreten. Auch „O’pflanzt is’“ hat viele Kontakte zu anderen Städten und deren Gärten.

Eine der Gründerinnen hat z.B. vor Projektstart ein zweiwöchiges Praktikum im Prinzessinnengarten in Berlin gemacht. Aktuell erstellt auch die Stiftung Interkultur eine Website, die alle Urban-Gardening-Projekte Deutschlands vernetzten soll.

Die ganze Bewegung ist erfreulicherweise schon ziemlich im Mainstream angekommen.

Ursprünglich kommt die Idee aus London. Dort wird z.B. im Stadtteil Hackney City Farming betrieben, d.h. man begegnet eventuell auch mal einem Schweinchen oder ein paar Hühnern mitten in der Stadt. Genaueres beschreibt die Bibel der Bewegung ‘Guerilla Gardening: Ein botanisches Manifest’ von Richard Reynolds und Max Annas.

Der Aspekt der Selbstversorgung mit Lebensmitteln ist als Blueprint allerdings eher in Südamerika zu verorten, vor allem in Kuba.

Nach Zusammenbruch der Sowjetunion hat Fidel Castro innerhalb von 8 Wochen die Insel in einen urbanen Garten verwandelt.

Auch in Sao Paulo findet man Urban Gardening, aus der Not geboren.

In den von Armut geprägten Megametropolen zeichnen sich vielleicht schon die nötigen Veränderungen zum zukünftigen Leben in Städten ab.

Für uns ist urbanes Gärtnern erstmal eher eine Luxusangelegenheit, was der Freude über die eigene Stadttomate natürlich keinen Abbruch tut.

Aktuelle Informationen: o-pflanzt-is.de